Bericht zur Studienreise der Regierungskonferenz Militär, Zivilschutz und Feuerwehr RK MZF nach Estland vom 23.-26.09.2026

Treffen mit National Defence Committee / Parlament, Tallinn

Für eine Stunde standen der Direktor Peeter Tali und Deputy Director Leo Kunnas für Fragen im estnischen Parlament zur Verfügung. Das gemeinsame Auftreten von Kunnas, der die konservative Opposition im Parlament repräsentierte, und Tali, aus der liberalen Mitte, suggerierte den Anwesenden eine politische Einigkeit in der Verteidigung von Estland. Tali erklärte, dass Russland für Estland angesichts des bestehenden Grössen- und Machtgefälles eine dauerhafte Bedrohung darstellt, so schon in der Vergangenheit, so auch künftig. Nicht einmal in den Jahren der Friedensdividende hat Estland sein Misstrauen gegenüber Moskau fallengelassen. Die Gesamtverteidigung hat daher höchste Priorität. Aktuell gibt es zwar keine Anzeichen, dass Russland die Kriegsschwelle überschreitet, aber das könnte sich jederzeit ändern. Er erinnerte uns daran, dass Russland unberechenbar ist und nicht rational handelt. Kritisch würde die Lage, sobald der Russland-Ukraine-Krieg in einen Waffenstillstand übergeht. Mit einem russischsprachigen Bevölkerungsanteil von über 90% wäre die Grenzstadt Narva ein bevorzugter Angriffspunkt Russlands.

Eine weitere Frage stellte sich nach der schnellen Beschaffung von Waffensystemen und Rüstungsgütern Estlands. Tali erklärte, dass sich Estland auf die Beschaffung von Waffensystemen konzentriert, die verfügbar und lieferbar sind. Dazu gehören bspw. Short Range Air Defense (SHORAD) Systeme aus Polen, Iris-T-Systeme aus Deutschland oder bodengestützte Luftverteidigung grösserer Reichweite aus Südkorea. Das gesamte Gespräch zwischen den Reiseteilnehmenden und den Parlamentsmitgliedern war sehr informativ.

The NATO Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence (CCDCOE)

Im Cyber-Centre wurden die Teilnehmenden vom Direktor Tönis Saar und der Schweizer Repräsentantin Nathalie Gratzer begrüsst. Das Cyber-Centre ist ein multinationales und interdisziplinäres Verteidigungszentrum. Sie besteht aus 32 Mitgliedern und 7 mitwirkenden Staaten (darunter die bspw. die Schweiz, die Ukraine oder Japan). Es gibt mehrere von der NATO akkreditierte Centre of Excellence, unter anderem Naval Mine Warfare (NMW) in Belgien, Joint Air Power Competence Centre (JAPCC) in Deutschland oder Military Medicine (MILMED) in Ungarn. Obwohl sie nicht Teil der NATO-Kommandostruktur sind, unterstützen sie diese innerhalb eines umfassenderen Rahmens.

Gratzer stellte uns anschliessend die verschiedenen Wirkungsfelder vor. Ein Flaggschiff des Cyber-Centre ist «Locked Shields», die weltweit grösste und komplexeste internationale Cyberverteidigungsübung. Sie simuliert einen realistischen, grossflächigen Cyberkonflikt unter realen Angriffsbedingungen («live fire») und testet die technischen, operativen und strategischen Fähigkeiten der Übungsteilnehmenden sowie deren Entscheidungsfindung unter Druck. Ebenso berücksichtigt sie rechtliche und kommunikative Aspekte und fördert eine Kriegsmentalität, die die Teams zwingt, schnell zu denken, sich an unerwartete Bedrohungen anzupassen und effektiv zusammenzuarbeiten. Die Ausgabe 2026 versammelte 4’000 Teilnehmende aus 41 Ländern. Das CCDCOE nimmt in der Cyber-Verteidigung einen wichtigen Platz ein.

Presentation E-Estonia: Estonian Government’s digitalisation project

Nach Petra Holm, Beraterin für digitale Transformation, werden in Estland seit fünf Jahren 100% der staatlichen Dienste und 99,6% der Banktransaktionen online abgewickelt. Holm erläuterte uns anschaulich, wie die digitale Transformation Estlands verlief und welche Strukturen daraus entstanden sind. Die Bevölkerung wird dabei laufend miteinbezogen. Ein Schwerpunkt liegt auf der «Cyber hygiene»: einem Gesamtkonzept, das durch staatliche Grundbildung und Trainings Bevölkerung und Unternehmen widerstandsfähiger gegenüber Cyberkriminalität macht.

Zwei Strukturen sind für den estnischen Staat sicherheitspolitisch besonders bedeutsam: die «X-Road» und die «data embassy». Die «X-Road» ist eine Open-Source-Software- und Ökosystemlösung, die einen einheitlichen und sicheren Datenaustausch zwischen privaten und öffentlichen Organisationen ermöglicht. Um sichere Übertragungen zu gewährleisten, werden alle ausgehenden Daten digital signiert und verschlüsselt, alle eingehenden Daten authentifiziert und protokolliert. Die digitale Landschaft Estlands ist zudem stark dezentralisiert. Die «data embassy» stellt schliesslich die digitale Kontinuität des Staates Estland sicher. Es handelt sich um die erste hochgesicherte Datenbotschaft, die in Luxemburg betrieben wird und in der sich strategisch wichtige Datensätze befinden. Damit wird ein digitales Fortbestehen Estlands gesichert – beispielsweise im Falle einer feindlichen Okkupation durch Russland.

Estonian Defence League (National Guard/Kaitseliit)

Der Berater des Kommandanten der Estonian Defence League (EDL) Olavi Tammemäe begrüsste uns im Hauptquartier der EDL. Die EDL ist eine freiwillige, militärisch organisierte, nationale Verteidigungsorganisation. Sie operiert unter der Führung des Ministeriums für die Verteidigung (MoD). Grundlage der EDL bildet die estnische Verfassung. Daraus wird die verteidigungspolitische Leitlinie formuliert, wonach jede estnische Bürgerin und Bürger ihre Rolle in der Verteidigung des Staates zu spielen hat. Die EDL ist ein Teil dieses gesamtgesellschaftlichen Ansatzes zur Verteidigung des Landes. Sie ist bewaffnet, bietet militärisches Training und nimmt Teil an militärischen Übungen. Der Kerngedanke liegt darin, dass die Verteidigungsbereitschaft nicht primär staatlich verordnet, sondern aus der freien Entscheidung und dem persönlichen Engagement der Bürgerinnen und Bürger heraus entstehen soll. Die Organisation versteht sich damit als Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Verteidigungswillens, der auf den Schutz der nationalen Unabhängigkeit und der demokratischen Verfassungsordnung Estlands abzielt. Die EDL verfolgt vier zentrale Aufgaben:

  1. Patriotismus und Verteidigungswillen festigen: Durch die Förderung der Verbundenheit mit dem eigenen Land soll die innere Bereitschaft zur Landesverteidigung gestärkt werden.
  2. Entwicklung militärischer Fähigkeiten unterstützen: Die Organisation trägt zum Aufbau und Erhalt militärischer Kompetenzen bei und wirkt damit ergänzend zu den regulären Streitkräften.
  3. Schutz der Bevölkerung mittragen: Sie unterstützt die Sicherstellung des Schutzes der Bevölkerung, etwa in Krisen- und Notlagen.
  4. Ausbildung der Mitglieder durchführen: Die Angehörigen der Organisation werden regelmässig ausgebildet, um ihre Einsatzfähigkeit sicherzustellen.

Rund 50% der Mitglieder der EDL sind Nicht-Kombattanten, wie die Woman’s Voluntary Defence Organisation (WVDO) oder die Jugendorganisationen Young Eagles und Home Daughters. Im Kriegsfall würden die anderen 50 % in die territoriale Verteidigung eingegliedert, entweder als Bestandteil oder als Reservisten innerhalb der Estonian Defence Forces (EDF). Damit wird das sogenannte «FAE Principle» bedient, welches die EDL in «Fighters» (Nehmen an militärischen Aktionen teil), «Amblifiers» (Unterstützen militärische Operationen und assistieren bei Lösungen für zivile Krisen) und «Enablers» (Unterstützen mit einem Netzwerk) einteilt.

Ministry of Defence (MoD): Defence Willingness Department

Im Hauptquartier des Verteidigungsministeriums begrüsste uns Markus Rosin, Leiter des „Defence Willingness Departments“. Das Defence Willingness Department stellt durch Jugendaktivitäten, transparenter Kommunikation und verschiedenen Übungen die Verteidigungsbereitschaft der Bevölkerung sicher. Nach Rosin kann Verteidigungsbereitschaft nicht erschaffen, sondern muss aufgebaut werden. Nur Klarheit und nicht Angst kann die Bevölkerung vorbereiten. Die Wehrpflichtreform ab 2027, an der das Defence Willingness Department mitarbeitet, wird an der Verteidigungsbereitschaft grossen Anteil haben und aus zwei Phasen bestehen:

  1. Aufbau von individuellen Fähigkeiten (26 Wochen)
    1. Militärische Basisausbildung
    2. Kader- und Spezialistenkurse
    3. Vorbereiten auf Kriegssituation
  2. Einheiten bilden und Bereitschaft verstärken (26 Wochen)
    1. Gemeinsame Übungen auf Einheitslevel
    2. In den zugewiesenen Einheiten üben
    3. Kampfbereitschaftsübungen während normalen Trainings

Die Wehrpflichtreform beinhaltet einen dauernden Miteinbezug und Anpassung an die aktuellen Kriegsentwicklungen in der Ukraine.

Weiterhin werden viele verschiedene zivile Aktionen organisiert, die die Mitarbeit der Bevölkerung und der Privatwirtschaft weiterentwickelt und festigt. Dazu gehört unter anderem eine estnische Unterstützungsmassnahme, bei dem Firmen freiwillig einen Teil ihrer Einnahmen in einen Fond für die Reserve einzahlen.

Headquarters Estonian Defence Forces (EDF)

Die Teilnehmenden wurden durch den Major General (etwa wie Divisionär) Viktor Kalnitski begrüsst und durch Oberstleutnant Artur Lillenurm durch den Vortrag geleitet. Wie bereits bei allen vorherigen Etappen der Reise wurde hier wieder klar, wie wichtig die eigene Geschichte für die Esten ist. Lillenurm gab einen ausführlichen Überblick über die wechselhafte estnische Geschichte. Besonders eindrücklich war die abwechselnde Besatzung durch Nazideutschland und die Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges, die in eine 47-Jährige sowjetische Besatzung mündete (1944-1991). Da Russland seine machtpolitischen Ambitionen mit den Tschetschenienkriegen (1994-1996, 1999-2009) und dem Kaukasuskrieg (2008) weiterhin aggressiv durchsetzte, wurde es für Estland überlebenswichtig teil der NATO zu werden.

Lillenurm erklärte aufgrund dieser historischen Basis den pragmatischen Umgang von Estland mit der Verteidigungsplanung. Das beinhaltet sowohl die Rüstungsbeschaffung (Kaufen was vorhanden ist, am besten in Europa produziert), die Finanzierung (jeder Euro zählt) und den Einsatz / Aufteilung der Streitkräfte (bspw. Arbeitet die Militärpolizei eng mit der zivilen Polizei zusammen).

Narva City Council

Nach einer längeren Fahrt kamen wir in der Grenzstadt Narva an. Dort wurden die Teilnehmenden vom Vorsitzenden Urbo Vaarmann im Rathaus empfangen. Das offene Gespräch wurde von einem Dolmetscher übersetzt, da Vaarmann nicht Englisch konnte. Die Fragen der Anwesenden wurden jedoch nicht direkt beantwortet. Der Fokus des Vorsitzenden lag auf den fehlenden Touristen in Narva und den Vorzügen der Stadt. Aus seiner Perspektive gibt es, falls überhaupt, nur wenige Probleme, die der Krieg in der Ukraine und die Bedrohung durch Russland verursacht. Den Fragen wurde hauptsächlich mit Humor begegnet und es entstand der Eindruck, dass Vaarmann die Bedrohung durch den russischen Nachbarn herunterspielt. Es stellte sich die Frage, ob das politischer Selbstschutz, Naivität oder ideologische Annäherung an Russland ist. Diesen Gesprächsverlauf überraschte viele der Anwesenden.

Besuch des Grenzpostens in Narva

Ganz im Gegenteil zum vorhergehenden Gespräch im Rathaus wurde der Grenzbesuch unter der Führung von Eerik Purgel, Leiter des Grenzdistrikts Nord-Ost, eine informative und spannende Gelegenheit, die Arbeit der estnischen Grenzpolizei näher kennenzulernen. Täglich gibt es 1500 Grenzübergänge, im Jahr etwa 600‘000. Für viele der Reisegruppen von Russland nach Estland benötigt es eine Kontrolle von mehreren Stunden. Jeden Tag werden Personen abgewiesen.

Eindrücklich ist die Topografie des Grenzübergangs selbst: Er führt über den Fluss Narva, zwischen der ehemaligen Kreuzritterburg Hermannsfeste und der russischen Festung Iwangorod. Zwei mittelalterliche Bollwerke, die sich seit über fünfhundert Jahren unmittelbar gegenüberliegen. Uns wurde erklärt, dass es jeden Tag Vorfälle mit der russischen Grenzseite gibt. Drohnenüberflüge, Provokationen von Personen und Fesselballone kommen immer wieder vor. Ein kürzlich errichtetes Maschinengewehrnest auf russischer Seite hatte vor ein paar Wochen auf eine ukrainische Drohne geschossen, die den russischen Ölhafen Ust-Luga ansteuerte. Dies zeigte eindrücklich die spannungsgeladene alltägliche Realität der estnischen Grenzpolizei auf. Ihre Gelassenheit, positive Einstellung und Kampfbereitschaft ist beeindruckend.

 

Links zu weiterführenden Informationen

Auf die Stadt Narva bezogene Informationen:

Estonia’s New Narva Base on Russian Border Delayed Until 2028

Working arrangements at the Narva border crossing point – Police and Border Guard Board

Estonia’s Robust Security Posture: Dispelling the „Is Narva Next?“ Narrative – International Centre for Defence and Security Tarmo Miilits: Russia shows no intent to attack a NATO country right now | Opinion | ERR

e-estonia: e-Estonia – We have built a digital society & we can show you how

Estonia Defence Forces (EDF): Estonian Defence Forces

Estonia Defence League (EDL): Home – Kaitseliit

Ministry of Defence: Avaleht | Kaitseministeerium

National Defence Committee: National Defence Committee – Riigikogu

The NATO Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence:

CCDCOE – The NATO Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence is a multinational and interdisciplinary hub of cyber defence expertise.